„Flatus vaginalis“ oder: Warum furzt meine Scheide beim Yoga?

Eine Frau in Yogakleidung übt den Schulterstand, eine Illustration stellt einen entweichenden Pups dar

Darum geht's

Wenn deine Scheide, z.B. nach Umkehrhaltungen, pupst, heißt es oft: Oh, peinlich, da ist dein Beckenboden wohl zu schwach! Aber das stimmt gar nicht.

Hand hoch, wer es NICHT kennt: manche Yogahaltungen provozieren ein kaum zu überhörendes Geräusch, das, man kann es nicht anders sagen, klingt wie ein dicker lauter Furz. Und genau das ist es auch: ein Furz, ein klassisches Luftentweichen. Aber jetzt kommt die gute Nachricht: dieser Furz entfleucht bloß der Vagina und stinkt nicht! Immerhin. 😉 Peinlich ist er uns trotzdem meistens, weil das Geräusch halt allgemein als peinlich gilt. Sollte es uns aber nicht sein! Und ich erkläre dir auch, warum.

Eine Sache stört mich schon seit langem: der Scheidenpups oder „Flatus vaginalis“ wird wirklich andauernd mit Beckenbodenschwäche in Verbindung gebracht. Ich kann die Fitnesstrainerinnen, Rückbildungslehrerinnen und Yogateacher schon nicht mehr zählen, die mir auf ihren Websites und Social Media Kanälen zurufen: „Deine Scheide furzt? Wie peinlich! Buch am besten sofort meine Beckenbodenkurse, denn ein starker Beckenboden furzt nicht!“

Beruflich nenne ich so etwas gerne „toxisches Marketing“, denn hier passiert etwas durchaus gemeines: mir als potentieller Kundin wird ein schlechtes Gefühl gemacht („Scheidenpupse sind peinlich!“) und auch direkt ein Makel mitgeliefert („Dein Beckenboden ist zu schwach!“) und deswegen muss ich dieses Produkt oder diese Dienstleistung buchen („Damit dir das bloß nie wieder passiert!“).

Die Begründung „Beckenbodenschwäche“ ist ein Mythos

Nun bin ich erstens sowieso kein Fan solcher Verkaufsmethoden. Und zweitens weiß ich sogar, dass sich hinter dieser Scheidenpups-Begründung ein großer Mythos verbirgt. Denn ob deine Vagina furzt, hat nur indirekt etwas mit deinem Beckenboden zu tun! Ich habe das Glück, in meinen Yogaausbildungen auf super entspannte Ausbilderinnen getroffen zu sein, die das Thema Scheidenpupse ohne falsche Scham besprochen haben. Und dabei habe ich etwas gelernt, was ich im Anschluss auch sehr gut an meinem eigenen Körper beobachten konnte:

Ein Vaginalfurz entsteht nicht aufgrund einer zu schwachen Beckenbodenmuskulatur. Viel eher ist ein überdehnter Bandapparat „Schuld“ an dem Problem (das genau genommen auch gar kein Problem ist, solange wir keins draus machen). Um die Mechanik zu erklären, stell dir mal eine recht übliche Yogahaltung vor, in der ein Scheidenpups häufig vorkommt: den Schulterstand. Wer im Yoga nicht so firm ist, kennt diese Haltung vielleicht noch aus dem Schulsport oder Gymnastikunterricht als „Kerze“. Das Becken wird dabei hoch in die Luft genommen, evtl. mit den Händen abgestützt. Die Beine zeigen möglichst gerade nach oben.

Wenn der Unterleib ein Mantra trötet…

Beim Reinkommen in diese Haltung gibt es meistens noch kein Geräusch. Aber manchmal spürt man schon, dass die Vagina einen guten „Schluck“ Luft mit aufnimmt, während man Becken und Beine nach oben hievt. Lustig wird es dann beim rauskommen: Meine Yogabloggerkollegin Madhavi fasst das Scheidenpups-Erlebnis so zusammen: „als ich wieder herauskam, trötete mein Unterleib fröhlich das Gayatri Mantra“. Ja, so kann man es durchaus beschreiben. 😀

Was passiert da also in der Vagina? Das ganze ist keine (böse) Zauberei, sondern einfach Anatomie. Bei Umkehrhaltungen wie dem Schulterstand (oder auch der Schulterbrücke, dem Kopfstand oder dem Rad) sackt die Gebärmutter ein Stückchen in Richtung Oberkörper. Das ist für den Beckenboden übrigens super, weil er dadurch sehr schön entlastet wird! Je gedehnter die Bänder sind, an denen die Gebärmutter hängt, desto mehr Spiel ist da, d.h. desto weiter kann die Gebärmutter sich ein Stückchen aus ihrer eigentlichen Lage wegbewegen.

Dadurch kommt Bewegung in den gesamten Vaginaltrakt und die Vagina neigt in diesem Moment dazu, Luft einzusaugen. Zum Glück ist das einfach ganz normale Umgebungsluft. Und wenn sie wieder entweicht, stinkt sie nicht – anders als ein „echter“ Furz. Da hat die Yogaklasse also noch mal Glück gehabt! Meistens entweicht die Luft in dem Moment, in dem man die Yogahaltung wieder auflöst. Und das tut sie eben oft mit ziemlich Schmackes, weshalb diese lauten Fürze entstehen können.

Je überdehnter die Bänder, desto größer das Scheidenpups-Risiko

Ich fasse also zusammen: Vaginale Fürze entstehen aufgrund eines Unterdruckes, der entsteht, wenn die Gebärmutter ihre ursprüngliche Position verlässt – z.B. in allen Yogahaltungen, in denen das Becken höher ist als der Oberkörper. Je mehr Spiel die Gebärmutter hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich Luft im Vaginaltrakt sammelt. Hier sind wir jetzt also beim Casus knaxus: nicht die angebliche Beckenbodenschwäche ist ein „Risikofaktor“ für das Auftreten von Scheidenpupsen. Sondern die Anzahl der Schwangerschaften und der Zustand des Bandapparats!

Je öfter du schwanger warst, desto überdehnter sind sehr wahrscheinlich die Bänder, an denen deine Gebärmutter aufgehängt ist. Bei mir sind das mittlerweile stolze drei Schwangerschaften, die meinem Bandapparat ziemlich zugesetzt haben. Die gute Nachricht ist: auch Bänder bilden sich in einem gewissen Rahmen wieder zurück, ziehen sich mit der Zeit wieder ein bisschen zusammen. Deswegen ist es übrigens auch so wichtig, im ersten Jahr nach einer Geburt auf keinen Fall joggen zu gehen oder andere Sportarten zu betreiben, die den sich noch in Rückbildung befindenden Bandapparat erneut stark belasten.

Auch der Bandapparat bildet sich zurück

An meinem eigenen Körper konnte ich die Rückbildung meiner Bänder sehr gut beobachten. Nach der Geburt meines zweiten Kindes hat es gut zwei Jahre gedauert, bis ich feststellen konnte, dass die Scheidenpupse in verdächtigen Yogahaltungen langsam weniger wurden. Stand jetzt, 15 Monate nach der Geburt meines dritten Kindes, warte ich noch auf diesen Moment. Aber so lange furze ich eben mit Würde. Und vor allem: mit Humor!

In meinen Kursen gibt es diesbezüglich keine Tabus. Wer pupsen muss, pupst halt. Wenn es dann noch ein Pups ist, der nicht stinkt – wo bitte ist das Problem?! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sogar gemeinsam drüber lachen kann. Erst recht, wenn alle darüber aufgeklärt sind, dass so ein Scheidenpups eben einfach vorkommen kann, wenn man bereits ein oder mehrere Kinder ausgetragen hat.

Diese Tipps bitte nicht beachten!

Jetzt weiß ich aber natürlich, dass vaginale Pupse trotzdem vielen etwas unangenehm sind. Deshalb will ich dich nicht ohne Tipps wieder verschwinden lassen. Vorab kommen hier aber ein paar übliche Tipps, du du bitte lieber nicht beherzigst: Vergiss das Mantra diverser Fitnesstrainerinnen, die dir ihren Beckenboden-Kraftaufbaukurs verkaufen wollen! Kraft, Kraft, Kraft ist selten die Lösung – nicht mal bei Vaginalfürzen. Reines Kräftigungstraining führt am Ende nur wieder zu Verspannungen, die dann andere Beckenbodensymptome auslösen, die auch nicht schön sind.

Was man ansonsten oft liest, ist der Tipp, beim Yogaunterricht einen Tampon zu tragen. Der verschließt den Ausgang quasi und es kann keine Luft eindringen. Das mag funktionieren, ich würde es dir aber trotzdem nicht raten. Denn Tampons trocknen das Scheidenmilieu aus, gerade wenn sie außerhalb der Menstruation getragen werden. Im Zweifel handelst du dir dadurch noch einen Pilz oder eine bakterielle Infektion ein. Lieber nicht.

Lieber diese Tipps hier beherzigen:

Was ich dir aber raten kann, ist: Übe genau jene Haltungen, in denen deine Scheide oft pupst, mit einem besonderen Beckenbodenfokus. Du wirst nicht vermeiden können, dass deine Gebärmutter ein Stückchen nach oben rutscht. Mit guter Beckenbodenaktivität kannst du aber vielleicht vermeiden, dass Luft eintritt (oder du kannst immerhin die Menge an Luft in den Griff kriegen).

Dazu ist es meist wichtig, gaaaanz langsam in die Haltung zu kommen. Der Schulterstand ist ja der Klassiker: wenn ich nicht aus Kraft der Bauchmuskeln und Arme reinkomme, nehme ich Schwung und katapultiere Becken und Beine nach oben. Zack, kommt jede Menge Luft mit in die Vagina. Versuch es also mal anders: komm richtig langsam in die Haltung und lass deinen Beckenboden dabei gut mitarbeiten (zieh ihn sanft nach innen). Beim Verlassen der Haltung dann das gleiche: komm ganz langsam und mit viiiieeel Körperspannung raus. Oft macht das direkt einen großen Unterschied und es furzt schon leiser. 😉

Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

Mein wichtigster Rat am Ende ist aber: Such dir einen Yogakurs, in dem Scheidenpupse nicht tabuisiert werden. Gemeinsam drüber lachen oder die Furzerei vielleicht auch einfach entspannt ignorieren ist immer noch das beste Gegenmittel. Deine Gebärmutter hängt halt, wie sie hängt. Mach ihr und dir keinen Stress und lass es pupsen. 🙂

Kennst du das Phänomen? Dann furze mir gerne in die Kommentare! Ich freue mich auf den Austausch mit dir.

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3 Antworten

  1. Danke für diesen Post! Jetzt kann ich das nächste Mal besser damit umgehen!Und ja, ich kenne die vaginalen Flatulenzen, habe fünf Kinder geboren und nun endlich die Erklärung! Bei mir ist es der Übergang vom dreibeinigen Hund in egal was, der zum Tröten führt! Es ist so blöde und verspannend, wenn man merkt, dass man Luft eingesaugt hat und ängstlich drauf wartet, dass sie in den nächsten Haltungen wieder entweicht. Es hängt aber bei mir stark davon ab, wo ich in meinem Zyklus gerade bin.
    Liebe Grüße
    Constanze

    1. Großen Dank für diese Aufklärung! Mir war es sooo peinlich und unangenehm, dass ich keinen Yogakurse mehr besucht habe und Yoga nur noch zu Hause praktiziert habe. Viele reden darüber leider nicht.
      Danke und liebe Grüße,
      Wibke

  2. Danke für diesen super Blogbeitrag und diese wertvolle Sicht auf dieses Thema! Ich kann es jetzt viel besser einordnen… Ich werde nun meine Yoga-Lehrerin mal darauf ansprechen – vielleicht kann sie ja helfen, das zu enttabuisieren!
    Und ja, Constanze, ich habe auch das Gefühl, dass es innerhalb des Zyklus schwankt!
    Liebe Grüsse, Stefanie

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